100. Konjunkturbericht

Wirtschaft im Ruhrgebiet zeigt sich in Topform

Die Wirtschaft im Ruhrgebiet bleibt weiter auf Wachstumskurs und geht mit viel Schwung ins Frühjahr. Eine intensive Nachfrage aus dem Ausland, ein freundliches Konsumklima und eine starke Investitionsneigung sorgen für Top-Stimmung. Der Konjunkturklimaindex kletterte zuletzt sogar auf 129 Punkte, den höchsten Stand seit der deutschen Wiedervereinigung. Mit hervorragenden Zahlen im Gepäck konnten die fünf Industrie- und Handelskammern (IHK) im Ruhrgebiet heute das große Jubiläum begehen. Im Rahmen einer Feierstunde mit 150 geladenen Gästen im Großen Saal der federführenden IHK zu Dortmund wurde der 100. Ruhrlagebericht präsentiert. Den ersten dieser Berichte hatte vor knapp 50 Jahren, am 1. August 1968, der damalige Dortmunder IHK-Präsident Hans Hartwig vorgelegt.
Sein aktueller Nachfolger in diesem Amt, Heinz-Herbert Dustmann, erinnerte in seiner Eröffnungsrede an die Ursprünge der gemeinsamen Konjunkturumfragen. Rund zehn Jahre nach der ersten großen Krise im Ruhrbergbau von 1957/58 und den damit verbundenen Produktionsrückgängen und Zechen-Schließungen „sollte der Bericht einen Überblick über die konjunkturelle Entwicklung geben und die spezifischen Strukturgegebenheiten des Wirtschaftsraumes in den Fokus rücken“, so Dustmann.
Auch 1968 kamen die IHKs in ihrer Einschätzung zu einem insgesamt positiven Fazit („Die Entwicklung der Wirtschaft des Ruhrgebiets könnte […] vollauf befriedigen.“), allerdings waren die Rahmenbedingungen gänzlich verschieden. Damals zählte der Ruhrbergbau rund 215.000 Beschäftigte (2017: knapp 5.000] und im ersten Ruhrlagebericht wurde die verhältnismäßig hohe strukturelle Arbeitslosigkeit bemängelt. „1968 lag die Arbeitslosigkeit im Ruhrgebiet bei 2,8 Prozent und in Nordrhein-Westfalen bei 0,8 Prozent. Von diesen Werten können wir heute trotz der guten Konjunktur nur träumen“, sagte Dustmann. Er verwies aber darauf, dass in den 1960er Jahren eben auch die Weichen für den weitgehend erfolgreichen strukturellen Wandel gestellt wurden. Beispielhaft nannte er die Gründung der Ruhr-Universität Bochum und die Technische Universität Dortmund, die bald ihr 50-jähriges Bestehen feiert. „Unsere heutige Wirtschafts- und Infrastruktur mit Hochschulen, Forschungsinstituten und Technologiezentren beweist, dass wir im Ruhrgebiet für die Zukunft gut aufgestellt sind“, betonte Dustmann.
Die Zahlen des aktuellen Ruhrlageberichts, für den 960 Unternehmen aus dem Ruhrgebiet mit rund 124.000 Beschäftigten befragt wurden, bestätigen dies. Gegenwärtig spüren alle Wirtschaftsbereiche starken Auftrieb. Rund 93 Prozent der Unternehmen melden eine gute oder befriedigende geschäftliche Lage, nur knapp sieben Prozent sind unzufrieden. Das sind leicht bessere Werte als im Vergleich zur letzten Umfrage, aber deutlich bessere als noch vor einem Jahr. Die stärkste Dynamik geht dabei von der Industrie aus. „Auch das Auslandsgeschäft gewinnt an Fahrt. Die Zuversicht der Unternehmen ist groß, dass der Export – besonders im Euro-Raum – ein starkes Standbein der heimischen Wirtschaft bleibt“, sagte Dustmann.
Fachkräftemangel bleibt ein Risiko
Die Schattenseite des Konjunkturbooms bleibt der sich verstärkende Fachkräftemangel. Jedes vierte Unternehmen möchte laut Umfrage seine Belegschaft aufstocken, allerdings sehen 53 Prozent in Personalengpässen ein Wachstumsrisiko. In diesem Zusammenhang machte Dustmann deutlich, dass die berufliche Ausbildung die beste Möglichkeit für Unternehmen ist, dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. „Allein 2017 haben die Ruhrgebiets-Kammern über 21.500 neu eingetragene Ausbildungsverhältnisse verzeichnet. Dazu haben auch Projekte wie die höchst erfolgreichen Ausbildungsbotschafter beigetragen“, sagte Dustmann. Er appellierte an die Landesregierung, diese Kampagne auch weiterhin finanziell zu unterstützen.
Sorgenvoll stehen viele Unternehmen im Ruhrgebiet auch dem schleppenden Ausbau der Verkehrsinfrastruktur gegenüber, der eine weitere wirtschaftliche Entwicklung beeinträchtigt. „Autobahnprojekte wie die A 1 in Dortmund und Hagen, die A 43 in den Kammerbezirken Bochum und Münster, die A 52 auf dem Gebiet von Essen und Gladbeck, oder der B 1-Tunnel in Dortmund sind Projekte, die zügig vollendet werden sollten“, sagte Dustmann, der mit Blick auf die Diesel-Diskussion davor warnte, die Mobilität der Unternehmen vorschnell durch Fahrverbote einzuschränken und die bisherigen Innovationen und Anstrengungen der Wirtschaft zu konterkarieren. „Ein Dialog zwischen Wirtschaft, Behörden, Wissenschaft und Verbänden wird am Ende eine Lösung für emissionsarme Städte in unserer Metropolregion hervorbringen.“
Welche Perspektiven hat das Ruhrgebiet?
Welche Aussagekraft haben Konjunkturumfragen und welche Perspektiven bieten sich dem Ruhrgebiet? Diesen Leitfragen ging Gastredner Prof. Dr. Roland Döhrn, Leiter des Kompetenzbereichs „Wachstum, Konjunktur, Öffentliche Finanzen“ beim RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Essen, in seinem Vortrag nach. Dabei betonte er unter anderem den hohen statistischen Wert der regionalen IHK-Umfragen und unterstrich die optimistische Einschätzung des Ruhrlageberichts: „Die Geschäftslage an der Ruhr ist derzeit ausgesprochen gut und die Erwartungen sind überwiegend positiv. Insbesondere Unternehmensdienstleister blicken im Sog der Industrie optimistischer in die Zukunft.“ Als Herausforderung für die Zukunft kennzeichnete er die weiterhin hohe Arbeitslosigkeit im Ruhrgebiet und die schlechte Finanzlage der Kommunen, verbunden mit hohen Hebesätzen bei den Realsteuern.
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Wirtschaft im Ruhrgebiet beleuchtete auch die abschließende Talkrunde. Dortmunds IHK-Hauptgeschäftsführer Stefan Schreiber befragte hierzu neben IHK-Präsident Heinz-Herbert Dustmann und Prof. Döhrn auch Dr.-Ing. Burkhard Maaß, Mitglied des Gründerteams und der Geschäftsführung der Bochumer ingpuls GmbH. Das erfolgreiche und innovative Startup, Spin-Off der Ruhr-Universität Bochum, hat seinen Standort auf dem Gelände der alten Zeche Robert Müser und ist auf sogenannte Formgedächtnislegierungen (FGL) spezialisiert, die nicht nur für die Autoindustrie von großem Interesse sind.